Theater Naumburg

Ensemble

Antonio Gerolamo Fancellu

Der Spaghetti-Fresser

Irgendwo, Irgendwann, Irgendwer in Berlin

Antonio Gerolamo Fancellu
Schauspieler des Theater Naumburg

Die Welt ist rücksichtslos. Das Leben ist eine Sau. Die Meinung, die wir von uns selbst haben, finster. Sie ist so sehr an das gebunden, was andere Leute von uns denken, dass sie wie ein Felsblock auf unseren Schultern wiegt und uns oft verletzt. Wer bin ich? Dichter, Reisende, Intellektuelle haben erfolglos versucht, dieses Rätsel zu lösen: aber auch Politiker (Ich bin ein Berliner!) und sogar Päpste. (Wer bin ich, dass ich über Homosexuelle richte?)

Wer bin ich? Also, ich ... ich weiß es. Ich weiß sehr genau, wer ich bin. Und wenn ich manchmal ein bisschen verwirrt bin, dann öffne ich einfach eine Schublade, und in dieser Schublade finde ich einen Brief und in diesem Brief, die Nachricht.

Du bist ...65 894 027 337! Genau, eine Nummer!65 894 027 337Ist es nicht wunderbar? Wenn ich diese Nummer lese, schreibe und höre – Aaahh, da verschwinden alle Ängste. Alle Unsicherheiten werden zu Sicherheiten.

Denn, wenn man eine Nummer geworden ist, fühlt man sich sicher! 65 894 027 337Ich bin, war und werde immer 65 894 027 337 sein – egal, ob ich Haarfarbe, Kleidung, Parfüm oder Auto ändere. Für mich, für das Land, werde ich immer 65 894 027 337 sein!

Bin ich verheiratet, geschieden oder verwitwet? Habe ich im Lotto gewonnen? Habe ich alles beim Pokern verloren? Werde ich vegan? Werde ich Jäger? Hassen mich meine Nachbarn, weil ich Ausländer bin? Hasse ich meine Nachbarn, weil sie auch für mich Ausländer sind? Bin ich Katholik, Buddhist oder Muslim? Will mich Seehofer zu seinem 70. Geburtstag als 70. Kerzchen auf der Torte haben? Blablabla ...

65 894 027 337!!

Und ich klammere mich ganz fest an diese wunderbare Steueridentifikationsnummer. Wie Venusmuscheln an einen Felsen. Ganz kuschelig. Und ich fühle mich geliebt, begehrt, wie Claudia Schiffer. Weil ich es mir wert bin.

© 2019 Torsten Biel